|
Günther Danninger Dillinger Straße 3 66333 Völklingen
Georg Jungfleisch Dillinger Straße 8 66333 Völklingen
Dr. Christoph Gottschalk Koblenzer Straße 8 66333 Völklingen
Wir haben die Bürgerinitiative „Bouser Höhe – gegen das Vergessen und die Gleichgültigkeit“ ins Leben gerufen, weil wir unserem schönen Stadtteil Bouser Höhe, der heute noch nach dem Naziverbrecher Hermann-Röchling benannt ist, seinen ursprünglichen Namen zurückgeben wollen.
Wir schämen uns für unseren Oberbürgermeister und alle gewählten Stadtratsmitglieder, die es zulassen, dass nunmehr seit über 50 Jahren ein verurteilter Naziverbrecher, nämlich Hermann Röchling, mit der Namensgebung für einen Stadtteil geehrt wird.
"Jeder von uns ist verantwortlich für alles von allen." FJODOR DOSTOJEWSKI
Als ich, in Völklingen geboren, nach jahrzehntelanger Abwesenheit vor 6 Jahren wieder heim gekommen bin und auf der Hermann-Röchling-Höhe ein Haus gekauft habe, in dem ich jetzt mit meiner Frau wohne, habe ich nach kurzer Eingewöhnungszeit die Frage gestellt: Wieso heißt dieser Ortsteil meiner Heimatstadt, in dem ich jetzt wohne, immer noch nach einer Person, zudem noch nach einem rechtskräftig verurteilten Naziverbrecher, wo doch spätestens seit der Wiedervereinigung alle Ortsnamen, die nach Personen benannt waren, wieder zurück benannt worden sind, selbst dann, wenn es sich nicht um Verbrecher handelte, wie etwa Karl-Marx-Stadt in Chemnitz?
Die Antworten, die ich auf diese Frage erhalten habe, waren so unbefriedigend, das ich mich selbst kundig machte und dann initiativ wurde, nachdem ich Günther Danninger und Georg Jungfleisch kennengelernt hatte, denen die gleiche Frage auf der Seele brannte und die ebenfalls schon aktiv waren in Richtung Rückbenennung in Bouser-Höhe. Wir haben uns zusammengetan und jetzt kämpfen wir gemeinsam.
1956 hatte der Stadtrat in Völklingen unter der Ägide der damaligen DPS in einer Sitzung ohne vorherigen Antrag die Umbennung des Ortsteils Bouser-Höhe in Hermann-Röchling-Höhe beschlossen. Das Mitglied der kommunistischen Fraktion, Dr. Luitwin Bies, gibt vor der Abstimmung zu bedenken, dass eine Ehrung von Hermann Röchling durch eine solche Namensgebung wegen dessen Rolle während der Nazidiktatur nicht unproblematisch sei. Ein Mitglied der CVP Fraktion (Vorläufer der CDU im Saarland) macht aus gutem Grund, wahrscheinlich dem gleichen wie Dr. Bies, den Gegenvorschlag zur Umbenennung in Röchlinghöhe statt in Hermann-Röchling-Höhe. Beide Einwände wurden zurückgewiesen. Treibende Kraft für diese Abtimmung im Stadtrat war ein Mann namens Heinz Specht, der sich dadurch Hoffnung auf einen Karrieresprung bei den Röchling`schen Eisen- und Stahlwerken machte. Diese Berechnung war offensichtlich richtig, wurde Specht doch unmittelbar danach zum Abteilungschef befördert.
Die Hintergründe der Verbrechen des Hermann Röchling sind aktenkundig und unstrittig und können von jedem, der will, ohne großen Aufwand eingesehen will.
Wie kann es sein, dass vor diesem Hintergrund sowohl alle Parteien, als auch eine breite Mehrheit in der Bevölkerung, inklusive eines Teiles meiner Freunde und Bekannten, die folgende Frage mit ja beantworten würden: Wollen Sie, dass der Ortsteil, in dem Sie wohnen, weiterhin nach einem Naziverbrecher benannt bleiben soll?
Für mich unvorstellbar und ganz klar, dass ich mich für eine Rückbenennung engagieren würde. Während der Beschäftigung mit dieser Angelegenheit und mit dem zahlreichen Feedback von Befürwortern und Gegnern der Rückbenennung, sind mir auch immer wieder Zweifel gekommen, ob ich wirklich im Recht bin mit meiner Initiative. Nicht weil man uns gedroht hatte, uns im Saarbrücker Krematorium zu verbrennen (bezeichnender Weise anonym), oder (öffentlich während der Nachbesprechung einer Radiosendung über das Thema) in Konzentrationslager zu sperren (gibt es noch welche in Deutschland?). Auch nicht, weil man uns als "dreckige Kommunisten", "Verräter", "Gesindel" u.ä. beschimpft hat. Nein, auch nicht, weil einige gutsituierte Bürger in Völklingen uns als Verherrlicher der "Siegerjustiz" bezeichneten oder ein mittelmäßiger Möchtegernjournalist (Saar-Revue) eine verwirrte Beschimpfung auf uns niederprasseln ließ. Nein, selbst dass unser Oberbürgermeister Lorig, im Zivilberuf Geschichtslehrer, in einer lustig gemeinten und dennoch nahe an der Debilität vorbeischrammenden Argumentation (nur, wenn Bous zu Völklingen kommt) sich gegen die Rückbenennung ausgesprochen hatte. Es war ja Krieg, die anderen waren noch schlimmer, alle haben Zwangsarbeiter für sich arbeiten lassen, lass doch mal die Vergangenheit ruhen etc... Nein, mit all diesen Anwürfen von Nazis, Ewiggestrigen, dümmlichen Neoliberalen und poltischen Opportunisten oder nur Dummen hatte ich gerechnet. Zweifel kamen mir, weil es uns nicht gelang, eine stumme Mehrheit zu irgendeiner Reaktion, geschweige denn zur Befürwortung zu aktivieren. Muss ich mich wirklich damit abfinden, wie diese schweigende Mehrheit, dass ein Mann in meiner Heimatstadt geehrt wird, der Tausende Menschen zur Zwangsarbeit in seinen Werken aus ihrer Heimat verschleppt hat und direkt verantwortlich für den Mord an mindestens 239 Männern und Frauen ist, die heute noch in einem Winkel unseres Waldfriedhofes begraben sind, weit weg von Ihrer Heimat? Sind diese Verbrechen des Hermann Röchling so geringfügig, dass man da wegschauen kann? Ich kann es nicht und ich bin immer wieder bestärkt worden von Menschen, die denken wie ich und deren Meinung mir wertvoll ist: Meine Frau und meine Kinder, deren Frauen und bestimmt auch meine Enkel, wenn sie schon sprechen könnten, mein Bruder Walter und seine Frau Gerdi, meine Schwester Martina, meine Schwägerin Isa und mein Schwager Mischa und Lara, viele Freunde und Bekannte und fremde Menschen, die mich in persönlichen Gesprächen unterstützt haben und die sich in die Petition eingetragen haben oder es noch tun werden. Mittlerweile sind wir immerhin an die 150 Menschen (90 im Internet und 60 in handgeschriebenen Listen), die unterschrieben haben, dass dieser Verbrecher nicht weiterhin geehrt werden soll. Bei denen und bei denen, die noch kommen werden, bedanke ich mich für die Unterstützung und nicht nur aber auch, weil sie mir die Hoffnung geben, dass nicht nur Idioten, Opportunisten und Gleichgültige unterwegs sind.
Die Frage bleibt, wie kann es sein, dass ein so gravierendes Verbrechen von so vielen schweigend hingenommen wird bzw. sogar die verunglimpft werden, die das Verbrechen anprangern.
Eine Antwort könnte die von Jean Ziegler in anderem Kontext diskutierte Banalisierung der kriminellen Tat im 20. Jahrhundert (und darüber hinaus) sein. Durch die unbeschreiblichen Greultaten an Millionen Menschen während der drei Generationen kommunistischer Herrschaft in der ehemaligen Sowjetunion, die Millionen Toten während der 6 Jahre Naziherrschaft, durch Eichmann, Pol Pot, Mengistu, Beria, Karadzic, Bagosora, Ruanda, Srebenica, Kolyma, durch all diese Massenmorde und Massenmörder, und durch andere, eine vollständige Auflistung würde den Rahmen sprengen, sind "alle Maßstäbe außer Kraft gesetzt worden. Jedes Verbrechen, jedes Massaker unterhalb dieser Schwelle erscheint infolgedessen zwangsläufig als geringfügiges Vergehen, als kleineres Übel, als letzten Endes hinnehmbares Delikt" (Zitat Ende).
Dies könnte eine Erklärung sein, was meine Empörung über die Taten von Hermann Röchling aber nicht ändert.
Deshalb werde ich mich weiter empören.
Dr. Christoph Gottschalk
|